Wer wird Millionär? Oder: Klapp-, Touch- oder Standardhandy?
Schweißgebadet rutscht der Kandidat auf seinem Stuhl hin und her. Der eloquente Moderator genießt sichtbar den Anblick so kurz vor der 16.000-Euro-Frage. Um etwas Small Talk zu betreiben, fragt er den Prüfling, warum er denn Geld benötige und was er gegebenenfalls damit tun würde.
Der Kandidat überlegt kurz und antwortet dann etwas kleinlaut: „Ein neues Handy wäre mal nötig.“ Kopfnickend wartet der Quizmaster auf weitere Details. „Ein schickes Exemplar sollte es eigentlich schon sein.“ „Klapp-, Touch-, Slide- oder Standard? Welches Modell entspräche denn Ihren Vorstellungen?“, fragt der Moderator süffisant. Der Kandidat überlegt. Ein Handy mit Touchscreen hatte er noch nie. Bisher waren es ein klassischer Barren, dann ein Klapp-, und nun hatte er ein Slider-Handy.
Sein erstes Mobiltelefon, so erinnert sich der Kandidat, war eines im klassischen Barren-Design. Es war handlich und robust. Mein Gott waren das noch Zeiten, als die Mobiltelefone aussahen wie Telefonzellen. Aber er mochte seinen Barren, konnte man mit ihm doch auch im Winter, wenn es kalt war und man Handschuhe trug, SMS schreiben. Und stabil war es wirklich. Wie oft fiel es von der Bettkante, wie oft auf den Boden in der Disko – alles kein Problem. Ja, in den späten 90er-Jahren waren diese Dinger ein echter Renner.
Dann kamen die Klapphandys. Sein bis dato Lieblingshersteller Nokia hatte den Trend voll verpennt. Also stieg er um, vom Barren zur Klappe. Am Anfang war das ziemlich cool. Man saß im Cafe oder in der S-Bahn, das Telefon vibrierte, spielte seine Melodie, man befreite es aus der Hosentasche, klappte es stilsicher auf und ging ran. Ein echter Hingucker. Aber irgendwie war diese Beziehung anders. Sie war weniger tiefgreifend, denn mit seinem Klapphandy wurde er nicht warm.
Der Moderator unterbricht seine Gedankenspiele und fragt mit einem süffisanten Grinsen: „Was schwebt Ihnen denn vor? Sind Sie eher der klassische Handynutzer oder legen Sie mehr Wert auf das Äußere? Man hört ja hier und da, dass so ein Handy schon zu einem Typ passen sollte. Dass es mehr ist als ein Alltagshelfer und mehr als ein Accessoire.“
„Nun, ich denke, ein Handy sollte schon zu einem passen und eben den persönlichen Alltag standhalten. Sehen Sie, ich bin ein Nachtschwärmer, und als ich damals so ein modisches Klapphandy hatte, da stellte sich heraus, dass es zwar ziemlich lässig ist, wenn man es aufklappt, dass es aber keineswegs den Anforderungen gerecht wird und wenn es herunterfällt, kaputt ist. Ich weiß noch, ich musste ständig in meinen Mobilfunkshop rennen, um irgendwelche Schrauben wieder festziehen zu lassen.“
„Das wäre Ihnen bei einem Slider-Handy nicht passiert“, so die etwas überheblich wirkende Antwort des Showmasters. „Ich weiß, deshalb habe ich ja nun auch eins. Es ist robuster, modern und passt zu mir. Aber ...“ „Aber?“, unterbricht der Moderator den Satz des Kandidaten. „Aber irgendwie fehlt mir einfach mal was Neues. Ich meine, mein Slider ist schon toll. Es ist widerstandsfähig, ein treuer Kumpan sozusagen, aber diese neuen Touchscreens reizen mich einfach. Doch begleiten mich Zweifel bezüglich meiner dicken Finger und den Fettflecken und irgendwie sehen sie auch sehr zerbrechlich aus. Aber sind Smartphones nicht die Zukunft?“ Gekonnt gibt er die Frage an den Moderator weiter, der ihm zustimmend zunickt.
Ein kurzer Moment der Stille kehrt in das TV-Studio. Eine Stille, die prompt vom adretten Herrn Moderator mit folgender Frage zerstört wird: „Sie schwimmen also nicht mit auf der Welle des Erfolgs vom iPhone 4?“ „Nein“, entgegnet der Kandidat, „aber in eben diese Richtung gehen meine Vorstellungen. Wissen Sie, diese berührungsempfindlichen, angenehm großen Displays haben schon die Bedienung revolutioniert, gerade was das Schreiben von E-Mails angeht oder das Surfen im Internet.“ Ja, er würde sich ein iPhone kaufen, wenn er das Geld gewinnen würde, das stand nun fest.
Der Moderator hat mittlerweile genug gehört und stellt die 16.000-Euro-Frage: „Na, diese Frage ist ja wie für Sie gemacht – wer ist der Hersteller des iPhone 4? A: Cherry, B: Orange, C: Grapefruit oder D: Apple?“
Vergnügt rutscht der Kandidat nun auf dem Stuhl und freute sich: „Das weiß ich, das weiß ich, B muss es sein – Orange, das hab ich schon mal gehört!“ Leider falsch.
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Toller Artikel, vor allem die Herangehensweise und die Erzählart gefällt mir echt gut. Und dann auch noch die Verbindung von Wer wird Millionär und der Gretchenfrage, die ich mir alle zwei Jahre auch wieder stelle ... vielen Dank, dass hat meinen bis heute blöden Arbeitstag erhellt.